Wo ist die klare Linie? „Blurred Lines“ – Überraschendes Urteil zum Urheberrecht

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„Blurred Lines“ von Robin Thicke und Pharell ist zwar ein Paradebeispiel für unsere frauendiskriminierende Gesellschaft – aber trotzdem (oder gerade deswegen) wurde der Song äußerst erfolgreich. Immer diskussionswürdiger wird das Stück allerdings auch aus einer juristischen Perspektive: Marvin Gayes Familie verklagte nämlich die beiden Stars, weil sie mit „Blurred Lines“ angeblich Gayes Copyright an dessen Hit “Got to Give It Up” verletzten. Hier kann man sich die beiden Stücke im Mashup anhören. Es gibt eine Menge Ähnlichkeiten, aber reichen die aus, um eine Urheberrechtsverletzung zu rechtfertigen?

Das überraschende Urteil in diesem Fall lautet nun: Robin Thicke und Pharrell verlieren den ‚Blurred Lines‘ Case und müssen $7.4 Millionen an Gayes Nachfahren zahlen. Überraschend deshalb, weil anscheinend bereits die Inspiration in diesem Fall reichte, um die Unrechtmäßigkeit von Blurred Lines zu bestätigen. Thicke hatte sich in einigen Interviews – angeblich unter Drogeneinfluss – dahingehend geäußert, dass Gayes Song für ihn eine Inspiration darstellte. Ohne das Original von Gaye im Gerichtssaal gehört zu haben, urteilten die Richter, dass eine Urheberrechtsverletzung vorliege. An dieser Stelle werden allgemeine Fragen aufgeworfen, denn alle MusikerInnen beziehen sich auf vorangehende Musik und nennen oftmals die Quellen ihrer Inspiration, wie z.B. LAWeekly berichtet.

Thicke und Pharell argumentierten außerdem, dass man einen Groove und eine Musik-Ära nicht urheberrechtlich schützen könne – und in diese Richtung gehend waren sich auch die meisten Urheberrechtsexperten einig. Doch der Sieg von Gayes Familie wirft nun viele Fragen auf: Könnten Bob Marleys Nachfolgen nun zahlreiche Reaggae-Songs verklagen, weil sie Ähnlichkeiten mit den Stücken einer wichtigen und stilbildenden Ikone haben?

„If this were to become a standard,“ musicologist Michael Harrington told USA Today, „it’s going to be one of the greatest growth industries of all time, suing people who sound like someone else.“

Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete:

Eine Sprecherin von Williams kritisierte das Urteil in einer Erklärung als „furchtbaren Präzedenzfall für Musik und Kreativität“.

Der britische Musikwissenschaftler Joe Bennett hat die beiden Songs sehr ausführlich in seinem Blog-Artikel „Did Robin Thicke steal ‘Blurred Lines’ from Marvin Gaye?“ verglichen. Er kommt zu folgendem Schluss:

The act of putting an electric piano together with a cowbell and a 120BPM disco beat would need to have been judged a creative act in itself, making instrumentation and possibly even genre into protectable Intellectual Property. Which would have had massive implications for future creators of music.